In Zumutungen steckt Mut drin

Das Netz vergisst nichts. Rein gar nichts.
Trotzdem kippen Menschen Seelenmüll digital aus. Verteilen kleine wie große Lebensdramen in den Social Media Räumen.
Ein Kulturphänomen?

Ich denke vielmehr, dass der zutiefst menschliche Selbstdarstellungsdrang von vielen von wohlmeinenden Coaches und Beratern befeuert wird. Getreu dem Motto „Viel hilft viel“ werden dann die Lebensgeschichten aufgebauscht, das negative Narrative bedient, dem Aufmerksamkeitsjournalismus gehuldigt, bis dann kleinste Details inklusive Heldenreise und Wiederauferstehung vom Totenbett sich ins kollektive Gedächtnis fräsen.

All das befremdet, beleidet und belustigt mich.
Genau in dieser Reihenfolge.

Warum?
Gute Frage.
Weil ich nicht ungefragt fremde Dramen aufsaugen möchte. Für sowas habe ich Bücher, eine umfassende Musiksammlung, Museen, Gedichtbände, Kopfkino und ein Elefantengedächtnis. Ich bin da einfach wählerisch. Und werde immer wählerischer, was die Stoffe anbelangt.
Ist Susi Schläfli vom Pferd gefallen und kann jetzt nicht mehr Tango tanzen?
Kickt mich nicht.
Ist Carlo Kurz nach einer Hirn-OP Toupetträger?
Juckt mich nicht.

Mich beleidet es, junge, halbnackte Menschen auf TikTok zappeln zu sehen.
Mich beleidet es, alte, angezogene Menschen auf Instagram zucken zu sehen.
Mich belustigt es, mittelalte, gebildete Menschen auf Twitter zwitschern zu hören.

Egal in welcher Sprache, ob auf Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch oder Spanisch. Alles gefühlt alter Wein in neuen Schläuchen. Das ödet mich an.

Ich will nicht hart erscheinen. Keinesfalls. Das Leben hat immer Wendungen. Manche Wendung scheint uns aus der Bahn zu werfen.
Dann ist das halt so.
Um im Bild zu bleiben: Dann sammelt man seine sieben Sachen, sortiert sich in Stille und geht weiter.
Ja, man darf sich mit Freunden besprechen.
Ja, man darf sich selbst so zumuten. Das ist mutig.
Ja, man darf sich professionelle Hilfe nehmen.
Ja, man darf darauf vertrauen, dass es weitergeht.
Und man darf das im Verborgenen tun, wie alle mythischen Helden.
Die Geschichte darüber, sollen die Geschichtenerzähler schreiben. Nicht der Held, nicht der Verlierer, nicht der Totengräber, nicht der Rabe, nicht die Eule. Der gute alte Geschichtenerzähler darf die Wortwolken zusammenfügen zu einem neuen Gebilde, das Mut macht.

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